Baltikum 2019

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Tagebuch einer Motorradreise durchs Baltikum 2019

Diese Reise unternehmen wir zu fünft, denn das unbekannte Baltikum reizt nicht nur Berthold und mich, sondern auch unsere Freunde Markus, Rainer und Walter. So sind 4 Kerle, ein Weib, 4 BMW GS und eine Yamaha Tracer unterwegs Richtung Nordost. Spannend wird es werden und heiß. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr an unseren Erlebnissen teilhaben …
 

Sonntag, 02.06.2019
Wir starten zu Dritt in Rodgau, um auf dem 612 km langen Weg nach Kiel die anderen beiden Mitfahrer unterwegs noch einzusammeln. Treffpunkte und Uhrzeiten sind abgesprochen und alles klappt wie am Schnürchen. So sparen sich die beiden - je nach Wohnort - etwas Strecke, Zeit und Sprit.

Die ersten 265 km lassen sich mit einer Reisegeschwindigkeit von 140 km/h auf der A7 staufrei und zügig abspulen. Doch danach jagt ein Stau den anderen - und das bei steigenden Temperaturen und in voller Motorradkluft.

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass dies der wärmste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnung werden wird und dass wir all die Pullover und Jacken völlig umsonst bis nach Tallinn und wieder zurück transportieren werden. Doch wer kann schon eine Glaskugel sein eigen nennen???

Der Höchstwert meines Thermometers zeigt kurz vor dem Hamburger Elbtunnel 38° C an, und das bei höchstem Verkehrsaufkommen. Durch die Hitze machen sogar die Spannungswandler an 2 Navis schlapp. Doch zum Glück funktioniert meins noch und ich fahre kurzzeitig vor, bis Berthold sein Gerät wieder aktivieren kann.

Tipp: Vor Hamburg am Horster Dreieck auf die A1 abfahren, (dann auf die A21 an Bad Segeberg vorbei auf die B404 nach Kiel) um den Elbtunnel mit seinen chronischen Staus zu vermeiden.

Um kurz nach 18 Uhr erreichen wir den Kieler Fährhafen und reihen uns in die lange Warteschlange ein. Berthold nimmt kurzerhand alle Unterlagen und Pässe, um im Fährgebäude den Check In für uns alle zu übernehmen. Doch warten müssen wir trotzdem, bis ein weiteres Tor nur für Motorradfahrer öffnet. Kurze Bordkartenkontrolle und dann dem Pkw von DFDS, unserer Fährgesellschaft, folgen. So erreichen wir die Fähre problemlos.

An Bord gibt es dann noch etwas Chaos beim Einparken der Mopeds auf Deck 4. Bis sich die Crew einig ist, wo und wie die Motorräder zu arretieren sind, dürfen alle Motorräder wieder umgeparkt werden. Ungewöhnlich finden wir, dass es auf diesem Deck offene Bordwandausschnitte gibt, durch die im Extremfall das Meer und das Wetter Zugang zu den abgestellten Fahrzeugen finden können. Okay, das mit dem Extremfall streichen wir aus den Gedanken. Dann hätten wir noch ganz andere Probleme … Wer hat eigentlich dem Angstschisser ein Ticket besorgt?

Das Festzurren der Motorräder übernimmt die Crew während wir das kleine Handgepäck aus dem Topcase holen und Richtung Rezeption marschieren.

Tipp: Unbedingt vorher für die eine Übernachtung nur den Minimalbedarf packen und dafür alles zusammen greifbar verstauen. In der Regel führen enge und viele Treppen vom Parkdeck in die Wohnbereiche. Je weniger mitzuschleppen ist, desto leichter wird der Weg. Zudem gibt es in den Kabinen ohnehin nicht viel Stauraum.

Mit den Zimmerkarten sind auf Deck 5 die Schlüsselkarten abzuholen. Und mit etwas Glück funktionieren sie auch. Ansonsten nochmals neu speichern lassen.

Kaum an Bord gilt es, die Uhren um eine Stunde vor zu stellen, denn es gilt schon die baltische Zeit.

Als Nächstes gönnen wir uns endlich etwas zu trinken. Die Bierchen laufen wie von alleine in die ausgetrockneten Kehlen. Das baltische Ekstra lernen wir kennen, frisch gezapft schmeckt es mild und lecker!

Um 21 Uhr (neue Zeit) ist das Büffet eröffnet und wir schlagen uns die Bäuche voll. Anschließend gibt es noch ein Ekstra und bald danach geht´s in die Falle. Platt und schnarch!

Montag, 03.06.2019
Heute ist Seefahrertag, an dem der Rest von insgesamt 785 km zurückgelegt werden muss. Den ganzen Tag fahren wir zur See. Frühstück ganz entspannt bis 11:00 Uhr. Auf dem Sonnendeck herrscht starker Wind, aber für die Raucher gibt es ein windgeschütztes Eckchen. Übrigens ist auch nur hier das Rauchen erlaubt. Andernorts drohen hohe Geldstrafen.

Uns bleibt Zeit für ein Mittagsschläfchen und ansonsten ist faulenzen angesagt. An Unterhaltungsprogrammen gibt es im Bar- und Rezeptionsbereich lediglich einige Bildschirme mit Unterhaltungs- und Sportprogrammen. Für die Kleinen gibt es eine Spielecke und für die Großen einen kleinen Shop. Ansonsten Nix. Tut auch mal gut.

Ankunft in Klaipeda, Litauen, um 18 Uhr Ortszeit.

Bis zu unserer Unterkunft Aismares sind es lediglich 3 km. Beinahe wären wir daran vorbei gefahren, denn sie liegt etwas versteckt. Nur ein Hinweisschild über einer Hofeinfahrt zeigt uns das Ziel an.

Das Lokal neben der Hofeinfahrt bietet bis 20 Uhr Getränke an und morgens den Frühstücksservice. Die Leute sind sehr nett und hilfsbereit auch wenn die Verständigung manchmal schwierig ist. Hier ist Englisch zwar mittlerweile eine gute Verständigungsmöglichkeit, doch man merkt, dass es den Balten schwerer fällt als uns bzw. dass es nicht die erste Fremdsprache ist. Auf Russisch wäre die Verständigung wahrscheinlich leichter gewesen, jedenfalls für die Balten.

Wir gehen zu Fuß auf die Suche nach einem Lokal für das Abendessen. Auf diese Weise sehen wir noch etwas von der Umgebung. Auffallend sind die vielen Zebrastreifen, auf die die Autofahrer peinlich Rücksicht nehmen. Schon bei der Fahrt zur Unterkunft sind uns die Busspuren auf den Hauptstraßen aufgefallen. Diese dürfen auch von E-Autos genutzt werden und davon gibt es hier schon einige. Vorbildlich!

Das Abendessen nehmen wir in der Friedricho-Passage beim Smuggler. Das Essen ist lecker und der Preis günstig. Die Speisekarte weist das Angebot sowohl in der Landessprache  als auch auf Englisch aus, so dass wir im Zweifelsfall beim Bestellen einfach darauf zeigen können.

Tipp: Der Bedienung gleich von Anfang an sagen, wenn getrennte Rechnungen gewünscht sind. Das ist hier nämlich ungewöhnlich und bereitet den meisten Bedienungen etwas Kopfzerbrechen. Oder die Gruppe teilt selbst die Kosten untereinander auf.

Etliche E-Roller düsen hier über die Fußwege, alles ganz normal, während bei uns zu diesem Zeitpunkt noch darüber diskutiert wird, ob und unter welchen Regelungen E-Roller in Deutschland fahren dürfen.

Zum Abschluss gönnen wir uns noch einen Absacker im Brauereilokal Svyturys. Das Ambiente und das Angebot sind hipp. Englisch ist gar kein Problem, sehr angenehm.

Dienstag, 04.06.2019
Heute befahren wir die Kurische Nehrung. Das ist eine Landbrücke zwischen Klaipeda und Kaliningrad in Russland. Auf der einen Seite liegt das kurische Haff und auf der anderen die Ostsee. Dafür ist die Kurische Nehrung als Nationalpark ausgewiesen und landschaftlich sehr reizvoll. Doch eins nach dem anderen.

Um auf die Kurische Nehrung zu kommen, setzt man mit der Fähre über. Dafür gibt es in Klaipeda zwei Fährhäfen: den alten Fährhafen für Fußgänger und Fahrräder und den neuen, der auch motorisierte Fahrzeuge mitnimmt. Da sich beide Häfen an verschiedenen Stellen befinden, ist es wichtig, vorher die richtige Adresse ins Navi einzugeben. Die Überfahrt je Moped mit Fahrer kostet 4,90 €. Ticket aufheben, es gilt auch für die Rückfahrt.

Kurz hinter dem Anleger wird Eintritt in den Nationalpark verlangt: 5 € kostet die Weiterfahrt auf der einzigen Straße.

Die Straße windet sich sanft durch lichte Wälder und Hügel, manchmal an Stränden vorbei und mitunter ahnt man, dass es links und rechts von der Straße jeweils Strand und Meer gibt.

Was mir außerdem auffällt, sind die vielen Insekteneinschläge auf dem Visier und dem Moped. Das kennt man von Deutschland in dieser Häufigkeit nicht mehr. Hier scheint die Natur noch intakt zu sein.

Nach einiger Zeit durchfahren wir das erste Dörfchen. Alle Häuser scheinen sich an der Straße aufzureihen. Wovon leben die Menschen hier im Naturschutzgebiet und so nah an der russischen Grenze? In der Tat führt diese einzige Straße bis in die russische Enklave nach Kaliningrad. Das wollen wir sehen. Doch vorher erreichen wir noch die Toten Dünen. Den Namen haben sie von dem starken Bewuchs. Sie wandern nicht mehr, sind sozusagen tot. Diese Dünen erinnern uns an die Kalahari und die Namib Wüste in Namibia.

Dann erreichen wir tatsächlich nach der Hälfte unserer Tagestour die Grenze. Hinweisschilder kündigen sie an und in etwas gebotenem Abstand halten wir zum Fotografieren an. Die Grenzstation wirkt eher verträumt und harmlos, vielleicht auch vergessen.

Nach dem Fotoshooting drehen wir um und nehmen die einzige Tankstelle, die uns das Navi für diese Tour ausweist. Tanken am Tankautomaten für 1,249 € je Liter. Zum Glück gibt es bei der Sprachauswahl auch deutsch, sonst wäre es überaus spannend geworden, denn hier zahlt man per Karte und bestimmt vorher die Benzinmenge, die man tanken will. Für Motorradfahrer ist das ziemlich blöd, denn da zählt mitunter jeder Liter, wenn man nicht ständig Tankstopps einlegen will. Aber wie viel geht hinein? Es nützt nichts, Mut zur Lücke! 10 Liter gehen alle mal und reichen auch für den Rückweg.

Auf dem Rückweg suchen wir uns in Nida ein Restaurant, das noch einen Tisch frei hat. Der Tourismus ist hier eine wichtige Einnahmequelle, die auch ordentlich zu sprudeln scheint. Trotzdem sind die Preise für unsere Verhältnisse moderat.

Was niemand bemerkt: Bertholds teure Filmkamera rutscht unter die Sitzbank.

Als wir nach dem Mittagessen starten sind es ca. 30° C bei strahlendem Sonnenschein. Unglaublich in dieser Gegend. Das Örtchen mit seinen pittoresken Häuschen wirkt malerisch. Doch wir lassen es hinter uns um weiter zu fahren.

In Juodkrante, kurz vor dem Ausgang des Nationalparks, wollen wir noch einen Fotostopp machen und einkehren. Bei der Hitze gilt es, viel zu trinken. Da bemerkt Berti seinen Verlust. Schnell fällt ihm ein, wo er nach seiner Kamera fragen muss - wenn es denn ehrliche Finder geben wird. Mein Ehemann startet direkt zurück. Wir anderen warten, nehmen uns viel Zeit zum Fotoshooting von der malerischen Strandkulisse, um dann irgendwann doch einzukehren.

Unsere Motorräder können stehen bleiben, denn ein Lokal befindet sich direkt gegenüber. Ob Berthold wohl seine teure Kamera mit den tollen Aufnahmen wieder zurück bekommt? Wir warten im Schatten und stillen unseren Durst. Und warten. Dann vergeht die Zeit bekanntlich besonders langsam. Doch irgendwann kommt er zurück, durchgeschwitzt und strahlend. Er hat seine Sony wieder. Sie lag noch immer unter seiner Bank, niemand hatte sie bemerkt. Jetzt aber gilt es, den Flüssigkeitshaushalt wieder aufzufüllen. Na denn Prost! 57 km hat er in Windeseile zurück gelegt – hin und wieder zurück. Gut, dass genug Sprit getankt war.

Wir setzen mit der Fähre wieder über nach Klaipeda.

Im Quartier statten wir dem kleinen Schwimmbad einen Besuch ab. Alles ist da, was man braucht: ein kleines Becken, Umkleiden, Spinde, WC und Duschen und sogar 3 kleine Saunen für die kältere Jahreszeit. Das alles ist im günstigen Zimmerpreis enthalten. Insgesamt können wir Aismares als Unterkunft sehr empfehlen.

107 Tageskilometer


Mittwoch, 05.06.2019
Um 10 Uhr starten wir unsere heutige 322 km lange Tour bis nach Vilnius. Es werden wieder 30° C. Wir nehmen die Autobahn.

Am Straßenrand und auf den Feldern sehen wir viele Störche und auch deren Nester mit Jungen. Und wir sehen wieder jede Menge intakte Natur: Insekteneinschläge überall auf den Bikes und den Bikern!

Nach ca. 260 km verlassen wir die Schnellstraße Richtung Elektrenai und fahren eine wunderschöne unbefestigte Straße, die sich 34 km bis nach Trakai hinzieht. Die hügelige Landschaft ist vor Urzeiten entstanden und nennt sich mit geologischem Fachbegriff Endmoränen (stimmt, wir haben einen Lehrer unter uns).

Die unbefestigten Straßen sind hier die Normalität abseits der großen Verkehrsadern und in den Städten. Die Einheimischen fahren die festgefahrenen Kiesstraßen mit einem flotten Zahn – auch normal. Einmal wurden wir sogar von so einem Kamikaze-Fahrer überholt. Nun jedem sein Hobby.

Nach 3 Stunden und ca. 290 km erreichen wir den völlig überlaufenen Ort Trakai, der für sein Wasserschloss berühmt ist. Doch bevor wir uns das anschauen, kehren wir erst einmal ein, um uns zu stärken. Wir wählen ein Lokal, das direkt am Wasser liegt - herrlich. Für die Kibinai gilt das übrigens auch: das sind gefüllte Teigtaschen mit diversen Füllungen, lecker.

Unsere Stippvisite führt uns über Wege und Brücken bis zum Schloss. Es ist offensichtlich vor Kurzem komplett restauriert und fehlende Stücke ergänzt worden, jedenfalls sieht das Gemäuer danach aus. Rein optisch stellt es eine Augenweide dar und ein Blick in den Innenhof zeigt uns eine mittelalterliche Burg mit so allerlei Gerätschaften auf dem Burghof. So dürfen Pranger und Käfige nicht fehlen. Doch die Zeit für eine komplette Besichtigung sparen wir uns. Zu viele Touristen und hohe Eintritts-Preise schmälern ohnehin das Vergnügen. So suchen wir uns noch einen günstigen Standort innerhalb des Städtchens (was angesichts der überall herrschenden Parkgebührenpflicht und selbsternannten Hilfssheriffs nicht ganz einfach ist) und lassen die Drohne steigen. Ein paar gelungene Aufnahmen aus der Vogelperspektive und dann geht es weiter in die Litauische Hauptstadt.

In Vilnius haben wir ein zentral gelegenes Hotel gebucht. Doch dorthin zu finden ist – trotz Navi - ziemlich tricky. Innerhalb der Altstadt sind die Straßen so eng, dass sie überwiegend als Einbahnstraßen deklariert sind und die Navis Orientierungsprobleme hinsichtlich des GPS-Empfangs bekommen. Einmal zu spät den Abzweig angesagt und schon steckt die ganze Truppe im allerfeinsten Labyrinth. Dazu gibt es überall schönes altes Kopfsteinpflaster. Was soll´s. Nach etlichen Labyrinth-Windungen haben wir es endlich erreicht: das Real House Appartments B&B.

Erst mal die Motorräder widerrechtlich geparkt, dann eingecheckt und in der Tiefgarage 2 Pkw-Parkplätze zugewiesen bekommen. Also wieder umparken, das Gepäck und die Schlüssel deponieren, mein Navi suchen … hä? Am Motorrad hängt es nicht mehr. Runtergefallen? Alle Mann suchen alles ab. Nix. Bei allem Chaos hat sich das schwarze Ding sorgfältig versteckt, in einer Falte einer schwarzen Innentasche. Jedenfalls ist die Freude groß, als es zufällig und viel später wieder auftaucht. Manchmal sind es die unscheinbare Dinge, die einer Bikerin schnell graue Haare zaubern.

Egal, erst einmal ein paar Meter laufen bis zu einer vielversprechenden Bar. Wir sitzen im Freien, genießen unser litauisches Bier und betrachten das Treiben um uns herum. Viele große und teure Autos sehen wir hier, mehr als bei uns zu Hause und jede Menge Leute, die mit E-Rollern und E-Bikes unterwegs sind. Vorbildlich!

Wir schlendern noch ein wenig in die Fußgängerpassage hinein, bis wir ein gutes Lokal entdecken (ETNO DVARAS), in dem wir lecker zu Abend essen. Vilnius, du gefällst mir jetzt schon.

Donnerstag, 06.06.2019
Heute erkunden wir Vilnius zu Fuß. Fotoshooting am alten Rathaus und an der Orthodox Church of St. Nicholas. Wir steuern die Kathedrale von Vilnius an, denn die wollen wir auch von innen sehen. St. Stanislaus ist wirklich imposant und sehenswert, weshalb dort auch viele Touristen anzutreffen sind.

Es geht weiter bis zur Seilbahn, die uns die Anhöhe zum Burgberg abnimmt. Dort oben erwartet uns der Gediminas-Turm, der nicht nur als Museum einen Überblick über die Geschichte Litauens bietet sondern auch einen fantastischen Überblick über die Hauptstadt heute.

Nach der Mittagspause teilt sich unsere Gruppe in Wandersleut und Fußkranke auf. Doch zufällig treffen wir dann doch wieder zusammen am gotischen Ensemble St. Anna und St. Bernhardinerkirche. Da ich zur Fußkrankengruppe zähle, machen wir uns dann wieder zurück Richtung Quartier, um vor dem Abendessen noch eine horizontale Pause zu nehmen.

Zwischendurch sorgt dann ein kleiner Regenguss für angenehme Abkühlung und für den Wunsch nach einem nahegelegenen Restaurant. So landen wir im Georgien House zum Abendessen. Dann mal guten Appetit!

Freitag, 07.06.2019
308 km liegen heute vor uns, denn wir verlassen Vilnius und Litauen. Unser Tagesziel heißt Madona und liegt bereits in Lettland.

Wir haben Zimmer im gleichnamigen Hotel Madona gebucht und haben angesichts des niedrigen Preises keine hohen Erwartungen. Doch selbst diese wurden unterboten.

Wie das geht? Etwa so:

Wir erreichen bei 30° C und total durchgeschwitzt bis ausgedörrt das Hotel mit dem typischen Ostblockcharme. Die Verständigung mit der zum Hotel passenden Rezeptionistin ist schwierig, ihr Englisch bedeutend schlechter als unseres. Aber es gibt ja auch noch Hände und Füße. Nach einigem hin und her erfahren wir, dass das Hotel weder über eine Bar noch über ein Restaurant verfügt. Okay, also dann erst mal Zimmer beziehen und Klamotten aus. Einen Wasserspender im Treppenaufgang gibt es zwar, aber wie lange wabert das H²O denn schon darin? Nein, wir suchen uns jetzt lieber ein Lokal. Wo es das nächst gelegene gibt? Oh je, einen knappen Kilometer zu Fuß. Für Menschen mit Knieschmerzen viel zu weit. Taxi? Sie schreibt uns zwei Telefonnummern auf und hält sie Berthold hin. Ob die Taxiunternehmen denn auch alle Englisch sprechen, fragt er, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Jetzt merkt unser „Sowjetleutnant“, dass sie selbst ran muss. Sehr widerwillig. Wir verstehen nicht, was sie am Telefon sagt, doch das Ergebnis ahnen wir schon vorher. Kein Taxifahrer verfügbar. Wo wir denn sonst noch etwas essen können, egal was? Genervt zeigt sie uns ein Lokal „Slageris“ wo wir essen könnten. Was angeblich 5 Minuten Fußweg dauern soll, liegt nun tatsächlich einfach um die Ecke. Was für eine blöde K…onsierge! Wir hätten schon längst hier sein können und unseren brennenden Durst stillen.

Mittlerweile besteht das Problem, dass das Slageris bereits um 20 Uhr schließt und es bereits 19 Uhr ist. Also schnell rein, Bier und Essen bestellt – wenn auch mit Anlaufschwierigkeiten.

Ab Punkt 20 Uhr nimmt die Bedienung keine Bestellungen mehr auf, auch nichts zu trinken. Also schnell noch eine Flasche Wodka und eine große Flasche Wasser to go gekauft. Das sieht bestimmt bemerkenswert aus, grins. Doch wir sind mittlerweile wieder gut drauf und hier kennt uns ja niemand, doppelgrins.

Von ein paar ausgewanderten Deutschen erfahren wir vom Stadtfest, das das Highlight der Region sei und 3 Tage dauere, Start heute. Das nächste Lokal sei die Straße runter. Also machen wir uns auf den Weg, laute Außenbeschallung weist uns den Weg. Dort lassen wir uns Bier und Wodka schmecken. Als mein Männe und ich die nötige Bettschwere erreichen, machen wir uns fröhlich beschwingt zurück ins Hotel. Die anderen Jungs bleiben. Rainer und Walter tanzen. Und Markus ist mittendrin. Jippieh …

Samstag, 08.06.2019
Unser „Sowjetleutnant“ befiehlt, das Buffet wieder aufzufüllen. Zum Glück funktioniert das auch und es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Nach dem Frühstück starten wir direkt zur nächsten Tanke. Für 1,214 € je Liter Super machen wir voll was geht, das ist wirklich super!

Unsere 226 KM lange Tour setzen wir fort über Buckelpisten, Schotterpisten ausgebaute Straßen, Baustellen und wunderschöne Strecken entlang an Wäldern, Wiesen und Seen und immer wieder Störche.

In der Grenzstadt Valga passieren wir die Grenze nach Estland, ohne dass wir es bemerken. Erst im Nachhinein wird uns bewusst, dass ein verlassenes Büdchen in einer Sackgasse, wohl der ehemalige Grenzposten war. Jedenfalls haben uns die Poller am Ende der Straße nicht aufgehalten. Mit den Maschinen zwischendurch und auf der Suche nach einem Lokal für die Mittagsrast sind wir einfach nicht zu stoppen.

Eine kleine Kantine auf einem Supermarktareal bietet uns einen umwerfend günstigen Imbiss. Von herzhaft bis süß ist alles zu haben. Zu Zweit bezahlen wir einschließlich Getränke 6,35 €. Nochmal nachgefragt. Doch, stimmt. Unglaublich. Wer dieses einfache Lokal in Valga besuchen will, es heißt Riia Kohvik.
Adresse: Riia 14, Valga, Estland.

Wir fahren weiter Richtung Tartu. Am Straßenrand sehen wir wieder zahlreiche Storchennester mit Jungen. Mir geht das Herz auf.

Am Nachmittag erreichen wir ziemlich verschwitzt das Hektor Design Hostel in Tartu. Als erstes Einchecken und als zweites ein Ankommensbierchen. Prost.

Zum Abendessen haben wir im benachbarten Zentrum die Wahl zwischen mehreren Lokalen. Wir wählen den „Aparaat“ aus und sitzen draußen im Innenhof. Da geht gerade ein Straßenfest zu Ende mit Live-Musik und Kinderanimation. Es ist ein idyllischer Hinterhof mit alten und erneuerten Gebäuden, Graffiti die künstlerisch anmuten und einem kleinen Spielplatz. Wir lassen es uns schmecken.

2 Wandergesellen nutzen die Kühle des Abends zu einem Altstadtrundgang und die anderen 3 schreiben Reise-Tagebuch. Dabei stellen wir fest, dass wir heute die 1.500 km Marke überschritten haben – ohne Fähren.

Sonntag, 09.06.2019
Der Regen in der Nacht hat uns endlich eine motorradfreundliche Kühle von 20° C gebracht.

Unser heutiges Tagesziel ist Tallinn. Knapp 200 km sind es bis dahin – inklusive etliche Storchennester. Zu gerne würden wir mal in eines hineinsehen. Unser Tourenguide hat da eine Idee: Drohnenflug. Eine geeignete Stelle ist schnell gefunden, doch im ersten Nest liegen nur Eier. Also noch ein anderes Nest angesteuert und siehe da, die Jungen sind zu sehen. Um die Eltern nicht zu sehr zu stressen, bekommt die geräuschvolle Drohne nur einen kurzen Ausflug, aber für paar schöne Aufnahmen reicht es – muss es reichen. Ich grinse bis zu beiden Ohren.

Unterwegs will uns Rainer auf die Hoppla nehmen, ob wir auch den Elch am Waldrand gesehen hätten? Ha, ha, die einzigen Elche, die wir zu Gesicht bekommen haben, sind diejenigen auf den Straßenschildern. Ansonsten lassen sich die scheuen Tiere nicht sehen. Ist auch gut so, denn eine Begegnung könnten für Biker und Elch fatal enden.

In Tallinn haben wir Zimmer im Hotel Tatari 53 mit gleichnamiger Adresse gebucht. Es ist ein bisschen tricky zu finden, denn es liegt in einem Hinterhof. Dafür verfügt das Tatari über kostenlose Parkplätze und liegt in unmittelbarer Nähe einer Straßenbahnhaltestelle. In der Hauptstadt Estlands sind das nicht zu unterschätzende Vorteile.

Einchecken, Ankommensbierchen und ab in die Altstadt. Die Tickets bekommt man beim Straßenbahnfahrer oder –fahrerin. Wechselklappe auf, Geld rein, Ticket und Wechselgeld retour.

Auffallend ist der relativ geringe Autoverkehr. Nun es ist zwar Sonntag, aber wir sehen, dass auch hier – wie fast überall in den Großstädten – Parkverbot am Straßenrand herrscht. Das Parken ist nur auf ausgewiesenen Parkplätzen oder in Parkhäusern gegen eine ordentliche Gebühr möglich. Hingegen ist der ÖPNV sehr günstig und die Taktung hoch. Alle paar Minuten fahren Busse und Bahnen, auch heute am Sonntag. Und was mir auch auffällt, sind die Elektrobusse mit Oberleitungen. Während Elektrobusse bei uns von den Kommunen erst bestellt werden, fahren sie hier schon längst. Und Elektroladestationen gibt es auch überall. Sehr fortschrittlich!

Das Abendessen nehmen wir in einem sehr großen aber gemütlichen SB-Restaurant, das über mehrere Büffets verfügt. Kein Wunsch bleibt hier unerfüllt. Na dann guten Appetit.

Abends nehmen wir noch einen Absacker in Tommis Grill nahe unserem Hotel. Bei dessen Angebot wissen wir heute schon, wo wir morgen Abend essen werden, freu!

Video Baltikum Teil 1 zeigt: Mit dem Motorrad durchs Baltikum 2019: Es geht mit der Fähre von Kiel nach Klaipeda. 1. Tour Klaipeda-Kurische Nehrung bis zur russichen Grenze. 2. Tour von Klaipeda nach Trakai und weiter nach Vilnius. Stadtbesichtigung Vilnius. Tour 3 von Vilnius nach Madona in Lettland. Tour 4 von Madona nach Tartu in Estland. Tour 5 von Tartu nach Tallinn.

Montag, 10.06.2019
Bei uns ist der Pfingstmontag ein Feiertag, anders im Baltikum. Hier tobt ein ganz normaler Wochentag.

Wir unternehmen die Stadtbesichtigung wieder in 2 Gruppen. So kommt jede/r in den optimalen Urlaubsgenuss, und dass wir uns unterwegs wieder begegnen werden, ergibt sich fast von selbst.

Berthold und ich machen unser erstes Fotoshooting am Stadttor Nr. 6. Danach schlendern wir durch die St, Katharina Passage mit ihren vielen Verkaufsständen. Der Rathausplatz kommt als nächstes dran, das Guilde Haus, der Lange Hermann, das Parlament und die Alexander Nevski Kathedrale.

Spektakulär ist der Ausblick von der Stadtmauer der Oberstadt auf die Unterstadt und den Hafen. Allerdings finden das auch alle anderen Touristen und davon gibt es Unmengen in Tallinn. Diese wunderschöne Stadt, die viel altes Gemäuer erhalten und restauriert hat, wird regelrecht von Touristentsunamis heimgesucht. Die großen Kreuzfahrtschiffe legen im Hafen an und schleusen ihre Passagiere in unzähligen Gruppen durch die Hauptstadt Estlands. Mitunter muss man schauen, wie man voran kommt. Was auch zu beobachten ist, sind sehr viele Asiaten, die im distanzlosen Fotowahn die Stühle eines Cafes für ihr Fotoshooting missbrauchen oder einem hinterrücks jeden Bissen verfolgen. Selbst verzehren sie nichts, denn an Bord ihres Kreuzfahrtschiffes kostet es sie nichts. Dem Gemeinwesen Tallinn bringen diese Touristen – außer Müll und Überfüllung – auch nichts. Denn übernachten wird hier niemand von ihnen. Irgendwie erinnert das an Venedig und Dubrovnik, die haben das gleiche Problem.

Unsere 2. Gruppe nimmt ab dem Hafen den Hop on Hop off Bus, aber erst nachdem Walter die Tickets von 25 € auf 15 € pro Person herunter gehandelt hat. Sehr gut gemacht! So erfahren die drei Wandersburschen – und später dann auch Berthold und ich – dass es in ganz Estland nur 1,4 Mio. Einwohner gibt. Davon leben 400.000 in Tallinn, also fast ein Drittel.

Außerdem findet in Estland alle 5 Jahre das weltweit größte Chorfest für Laienchöre statt. Was für eine logistische Meisterleistung!

Außerdem  schauen die drei Freunde bei Kiek in the Kök vorbei und besuchen den Kanonenturm mit seinem ehemaligen Schwarzpulverlager. Insgesamt eine sehenswerte Burganlage.

Die Getränkepreise im Altstadtzentrum verdienen noch einen Hinweis. Sie sind extrem teuer, auch für unsere Verhältnisse. So kostet ein unechter Cappuccino 4,50 € und ein echtes halbes Bier 5,50 €.

Abends kehren wir dann gemeinsam in Tommis Grill ein. Hier kostet die Maß Bier zur Happy Hour gerade mal 4 €, und das halbe 3,50 €. Aus Gründen der Ökonomie bestellen wir dann natürlich alle eine Maß. Angesichts der 10% Gutscheine vom Hotel, hält sich die Gesamtrechnung im sehr moderaten Rahmen.

Dieser Abend hat es noch aus anderen Gründen in sich. Tommis Grill ist schon ziemlich voll. Eine lange Tafel ist zusammengestellt und es sieht aus, als handele es sich um eine Familienfeier. Doch dann merken wir zusehends, dass es sich wohl um eine Trauerfeier handeln muss, auch wenn nicht alle Trauerkleidung tragen. Viele Reden werden gehalten und auf den Verstorbenen angestoßen. Einer aus der Trauergemeinde gesellt sich zu uns. Er hat uns deutsch sprechen hören und spricht uns ebenfalls auf Deutsch an. Gerne erfahren wir etwas über die Trauerfeier. Nein, nicht nur Familienangehörige sind gekommen, sondern auch bekannte Persönlichkeiten und Politiker aus Tallinn. Der Verstorbene war der estnische Politiker Mart Nutt, der für auswärtige Angelegenheiten zuständig war. Unser Gesprächspartner erläutert uns die Beliebtheit und das Wirken des sehr europafreundlichen Verstorbenen. Mein Gott, er war ein Jahr jünger als ich und ist schon gegangen.

Während sich das Lokal immer mehr füllt, erfahren wir, dass Estland kulturell eher den nordischen Ländern wie Finnland verbunden ist. Hingegen sind Lettland und Litauen baltisch und mit russischem Erbe gekennzeichnet. Die EU hingegen zählt auch das kleine Estland zu den baltischen Staaten. Das finde ich interessant.

Dienstag, 11.06.2019
Unser Hotel macht keinen Zimmerservice. Das ist bei zwei Nächten nicht schlimm, aber ungewohnt. Der Servicegedanke ist auch hier noch vom ehemaligen sozialistischen System beeinflusst. Da war es wohl verpönt, für jemand anderen zu „dienen“. Nun, das ist uns auf unserer Reise ja auch schon in Madona begegnet.

Heute fahren wir weiter nach Riga, in die lettische Hauptstadt. Etwa 385 km stehen uns bevor und als wir bei angenehmen 18° C starten, sind wir froh. Was wir noch nicht wissen: in Riga werden uns wieder 32° C bei annäherndem Verkehrsinfarkt erwarten werden, stöhn. Doch noch ist es nicht soweit.

Wir fahren aus Tallinn raus mit der grünen Welle bei 50 km/h. So angenehm!

Wir verlassen nach der Lettischen Grenze die Autobahn A4 / E 674 und genießen die Landstraßen, viele unbefestigt und manche wieder gesäumt von Störchen.

Die Tankstellensuche abseits der Hauptverkehrsadern gestaltet sich heute spannend. Wir orientieren uns nach dem Navi und erreichen mit einem knappen Rest der Tankreserve die offerierte Tanke. Nun, die Zapfsäulen stehen zwar noch, doch der Betrieb und der Sprit sind längst von dannen gegangen. Kräuter und Wildpflanzen säumen die Einrichtungen der Zivilisation, was zwar hübsch anzusehen ist aber einem Biker auf Reserve leicht den Schweiß auf die Stirn treibt. Jedenfalls wissen wir nun, dass wir den Angaben des Navis nicht vertrauen können und deshalb lieber jemanden fragen, der von hier ist.

Zum Glück gibt es gegenüber der verlassenen Zapfsäulen ein florierendes Sägewerk. Berthold spricht den ersten Mitarbeiter an. Wir haben keinen Sprit und können kein Lettisch, er kann kein Englisch, hat aber einen Meister. Wir folgen ihm ins Büro. Dort überlässt er uns seinem Chef, der ein bisschen Englisch spricht und die komplette Anlage einschließlich des Platzes mit den Zapfanlagen auf den Monitoren im Blick hat. Wow, ich sehe unsere Mopeds stehen. Moderne Überwachung in dieser verlassenen Gegend habe ich wirklich nicht erwartet.

Aber der Chef ist supernett und er zeigt uns auf Google Maps wo wir eine funktionierende Tanke finden. 12 km von hier. Ob das die 800er GS noch schaffen wird?

Ja, das tut sie, doch was ist das? Vor den Zapfsäulen befindet sich eine Baustelle und Bauarbeiter sind hier rege zugange. Während mir schon tausend Fragezeichen im Kopf das Denken und Hinsehen vernebeln, entdeckt mein Schatz, dass noch zwei Zapfsäulen in Betrieb sind. Halleluja!!! Man muss hier zwar wieder mit Karte oder Geldscheinen vorab bezahlen, doch wir können in jedem Fall unsere Fahrt fortsetzen.

Nachdem jetzt wieder aussreichend Sprit vorhanden ist, können wir uns noch ein paar Ausritte auf unbefestigten Strecken gönnen.

Je weiter wir uns Riga nähern, desto mehr Stau und Baustellen machen uns das Vorankommen schwer, bei wieder hohen Temperaturen bis 32° C. In Riga selbst geht fast nichts mehr. Wir drehen, um uns über einen Umweg mit Nebenstraßen dem Ziel zu nähern. Total erschöpft und ausgetrocknet erreichen wir um kurz vor 19 Uhr das Hotel Victoria. Das Navi weist es auf der falschen Straßenseite aus, so dass wir erst einmal daran vorbei fahren. Ich erspare Euch die Details, aber wir machen drei Kreuze, als wir endlich das wohlverdiente Ankommensbierchen zu uns nehmen können.

Danach noch ein Lokal in der Nähe aufgesucht und die Bäuche vollgehauen.

Zurück im Hotel nehmen wir noch ein paar Biere mit hinauf. In unserer Suite gibt es einen Kühlschrank und ein paar Gläser und Zahnputzbecher. Damit rücken wir unserer Wodkaflasche auf den Leib. Prost! Das haben wir uns verdient.

Mittwoch, 12.06.2019
Gestärkt von einem guten Frühstück erkunden wir heute Riga. Wir bilden wieder 2 Gruppen, denn das hat sich bewährt. Berthold und ich bringen in Erfahrung, wie das hier mit dem öffentlichen Nahverkehr funktioniert. Die Tickets gibt es im Kiosk zu kaufen, die hier „Narvesen“ heißen. 5 € kostet das Tagesticket pro Person. Dafür können wir alle Bahnen und Busse nutzen, den ganzen Tag.

So erobern wir Lettlands Hauptstadt mittels Straßenbahnen und Bussen.

Die Highlights nach unserem Geschmack sind zu allererst das Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz. Es sieht schon von außen recht bunt und auffallend aus, doch auch von innen ist es eine Besichtigung wert. Die Empfangsräume und Festsaal, Ausstattung, die Darstellung einer für damalige Zeiten hochmoderne Zentralheizung, Lagerräume im Keller, das alles ist wunderbar hergerichtet und präsentiert. Abbildungen zeigen zudem, dass die dunkelhäutigen Menschen zu dieser Zeit sowohl im Gefolge als auch in gesellschaftlichen Führungspositionen und wohlhabend waren. Sie gehörten zur Gilde. Frühe Integration? Hautfarbe egal? Beinahe kommt es mir so vor. Auch die Bezeichnung „Schwarzhäupter“ kommt mir sehr beschreibend vor, ohne Abwertung.

Es ist fast unvorstellbar, dass dieses im 2. Weltkrieg völlig zerstörte Haus aus dem 14. Jahrhundert überhaupt noch einmal derart originalgetreu wieder aufgebaut werden konnte. Eine Videoinstallation zeigt die Zerstörung und den Wiederaufbau.

Unsere Freunde schlendern indessen durch die Markthallen, die sie als Highlight von Riga erleben. Der Zentralmarkt Riga ist der größte Lebensmittelmarkt Lettlands. Bis in die 1930er Jahre galt er sogar als der größte und modernste Markt Europas. Noch heute ist in den Hangar-ähnlichen Hallen alles zu haben: Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse, lettische Spezialitäten, Gastronomie und rund um die Hallen haben sich zudem noch Flohmärkte angesiedelt. Schade, dass ich das verpasst habe.

Wir schlendern durch einen Park in Richtung der orthodoxen Christi-Geburt Kathedrale. Sie ist das größte orthodoxe Gotteshaus im ganzen Baltikum und sehr imposant in ihrer Erscheinung. Zufällig treffen wir hier auf unsere Freunde, die dieses Gotteshaus ebenfalls von innen sehen wollen. Dieses kostet wenigstens keinen Eintritt.

Wenn jemand den Rigaer Dom besuchen will, bezahlt er an der Kasse erst einmal Eintritt. Dies ist leider auch in anderen bedeutenden Kirchen in Riga der Fall. Wir lehnen dankend ab.

Riga bietet natürlich noch weitere Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel das Schwedentor oder das Häuserensemble „die drei Brüder“ u.a.m. Doch deren optische Erscheinung finde ich unspektakulär im gut erhaltenen Altstadtambiente. Letztlich muss jede/r selbst entscheiden, welche Sehenswürdigkeiten einen Besuch wert sind.

Abends gibt es viel zu erzählen. Wir essen heute usbekisch und irgendwie ist der Tisch zu klein, für all die leckeren Speisen, die wir bestellt haben. Anschließend noch ein Absacker bei uns in der Suite, bevor wir den Tag beschließen.

Donnerstag, 13.06.2019
Heute verlassen wir Riga und haben 311 KM vor uns. Die Mopeds haben wir zwar auf dem bewachten Hotelparkplatz abgestellt, doch die Wachmannschaft wirkt wenig zuverlässig. So kommt es, dass Markus schon mal vorab kontrollieren geht, ob noch alle da sind und ob noch alles dran ist. Das ist zur Freude aller zu bestätigen. Nacheinander fahren wir unsere Mopeds vors Hotel auf den Bürgersteig, um es für´s Beladen einfacher zu haben.

Was auf dem Parkplatz nicht passiert ist, geschieht dann unmittelbar nach dem Start: 2 Mopeds fehlen und einem davon fehlt Zubehör. Wie das?

Nun man muss wissen, dass die Bordsteine hier so hoch gebaut sind, ich schätze 15 – 18 cm, damit möglichst  kein Fahrzeug auf dem Bürgersteig parkt. Passiert natürlich trotzdem. Jedenfalls mischt sich der Bordstein beim Starten ein und ein Tankrucksack meint darauf hin, noch in Riga verweilen zu wollen. Während die ersten 3 Biker losfahren, halten die anderen beiden direkt wieder an und sammeln das verlorene Ding wieder ein. Zum Glück ist alles heil geblieben. Die 3 anderen bemerken den Verlust der halben Mannschaft an der nächsten Ampel. Rigas Höllenverkehr mit Baustellenstresstest lassen kein Warten zu. Dafür versuchen die beiden Hinterbliebenen eine wilde Verfolgungsjagd, doch die unglaubliche Autoschwemme und unorthodoxe Ampelschaltungen bremsen sie aus. Funk ist schon außer Reichweite.

Erst außerhalb Rigas gibt es eine Sammel-Wartemöglichkeit auf unserer Strecke. Und keine 5 Minuten später sind wir wieder zu fünft.

Fazit:

Nach Riga reinfahren ist die Hölle, und aus Riga rausfahren ist es genauso!

Und das schon bei 28° C. Aber auch das sollte sich noch steigern. Die heutigen Höchstwerte werden noch auf bis zu 34,5° C klettern, puh!

Trotz knallender Sonne und Hitze machen wir noch einen kleinen Schlenker, um den Berg der Kreuze, nahe Siauliai, zu besichtigen. Die Anzahl der Kreuze und die Größe des Geländes sind beeindruckend. Das steigert sich sogar noch, nachdem wir aus dem Internet erfahren, dass jedes Kreuz für einen hingerichteten oder verschwundenen Litauer steht, der sich im Rahmen von 2 Aufständen gegen die russische Obrigkeit gewehrt hat. Nach jedem Aufstand ist der Berg der Kreuze von den Sowjets vernichtet worden. Jedes Mal danach sind noch mehr Kreuze von der Bevölkerung aufgestellt worden. Stiller und doch öffentlicher Protest und Anklage zugleich. Respekt ihr Litauer!

Walters Moped bleibt vor Durst stehen, obwohl die KM-Anzeige noch eine Reichweite ausweist. Zum Glück befindet sich in ca. 600 m eine Tanke und zum weiteren Glück springt seine Maschine nochmals an. Sie muss nicht geschoben werden. Jedenfalls tanken wir alle in Litauen unsere Maschinen voll, denn hier ist der Sprit wirklich günstig, zwischen 1,20 € und 1,34 €.

Wir fahren etwa 150 km bis Palanga. Hier ist im Schlosspark ein sehenswertes Bernsteinmuseum zu finden. 4 € kostet der Eintritt regulär, 2 € für Senioren, grins. Ich wusste gar nicht, dass es Bernstein in so vielen verschiedenen Farben gibt und wie sie früher gewonnen wurden. So wurden nicht nur der Strand abgesucht sondern von Booten aus sogar der Meeresgrund. Der größte Stein in der Ausstellung wiegt 3.650 g und ist riesig. Da hat ein großer Baum stark geblutet. Unvorstellbar.

Ebenfalls unvorstellbar ist der plötzliche Temperaturabfall und die schwarzen Wolken am Himmel. Wir haben noch 33 km bis zum Fährhafen. Doch so schnell können wir gar nicht fahren um vom Unwetter verschont zu bleiben. Etwa 20 km vor dem Ziel schüttet es auf uns herab, untermalt von Blitzen und Donner. Wir sind sofort nass bis auf die Haut, denn die Membranen haben wir angesichts der zuvor hohen Temperaturen abgelegt.

Na, ich will jetzt nicht rumjammern. Jeder Biker kennt das, wenn die Regentropfen an einem herunter laufen. Denn auch das gehört zum Motorradfahren dazu.

Am Fährhafen noch schnell die Tanks mit dem günstigen Sprit nachgefüllt und dann in die Warteschlange eingereiht. Ein Fährbediensteter empfiehlt uns, mit den Maschinen an einem zwar überdachten aber geschlossenen Gate zu warten. Eine zeitlang halten wir das aus, aber als der Regen in leichten Niesel übergeht, checken wir dann doch ein. Jetzt stehen wir immerhin auf dem Fährgelände hinter dem Check In und warten, bis es weiter geht. Als dann endlich der Lademeister den Startschuss gibt, fahren wir ihm (und viele andere) einen halben Kilometer nach. Wir sehen nun die Fähre und was machen wir? Richtig, warten. Als es endlich weiter geht, stellen wir fest, dass wir ins unterste Deck geschickt werden. Die engen Kehren auf dem Weg nach unten verlangen den PKWs Vor- und Zurückmanöver ab. Das heißt für den Biker: Abstand halten, meist auf den nassen glitschigen Schrägen der Rampen. Also bitte aufgepasst, auch wegen der vielen Befestigungserhebungen im Boden. Genau vor mir in der Kurve ist so ein Ding. Wahrscheinlich kann man an diesen Haltegurte festmachen. Oh nein, wo schaue ich da hin? Zu spät! Wie jeder Biker weiß, fährt man genau da hin, wo man hinschaut. Mein Moped trifft den Stolperstein mit halbem Vorderrad und vielleicht 5 km/h und folgt der Erdanziehungskraft. Plumps, da liegen wir, mein Moped und ich. So ein Sch… Anfängerfehler! Sofort sind 3 Biker zur Stelle und heben mein Moped wieder auf. Danke Jungs. Unterdessen schimpfe ich wie ein Rohrspatz, wie das ein gefallenes Mädchen so macht. Zum Glück ist bis auf die Fahrerehre nichts beschädigt.

Als endlich alles geparkt und verstaut ist, die Kabinen bezogen und das Bier gezapft, genießen wir das Abendbuffet und nehmen zum Nachtisch noch ein Bierchen. Halleluja und später gute Nacht.

 Freitag, 14.06.2018
Wir können uns Zeit lassen, denn es gibt bis 11 Uhr Frühstücksbuffet. Wir Langschläfer genießen das und die Frühaufsteher nehmen vorab schon Kaffee.

Das Wetter auf See ist heute ein Traum. Sonne und blauer Himmel und Wind. Auf dem Sonnendeck sitzt man etwas windgeschützter und auf Tischen und Bänken ist auch Platz, um die nassen Handschuhe und Stiefel trocknen zu lassen.

Am späten Nachmittag erreichen wir Kiel und fahren noch gut 55 km bis nach Schackendorf. Hier haben wir Zimmer vorgebucht. Doch kaum sind wir aus Kiel raus, müssen wir uns auch schon eine Parkmöglichkeit suchen. Der Regen hat wieder eingesetzt und wie es am Himmel aussieht, soll auch gleich wieder die Welt untergehen. Also schnell rein in die Regenklamotten und weiter fahren bei Schutt und Gewitter.

Als wir dann unser Quartier erreichen, entlohnt uns das gute Essen und das Bier für die nasse Regenfahrt. Na spätestens morgen werden unsere Klamotten vom Fahrtwind wieder getrocknet – wenn´s nicht regnet.

Samstag, 15.06.2019
Heute liegen ca. 560 km vor uns. Zum Glück bleibt es trocken und die Heimfahrt verläuft unspektakulär, keine Pannen, keine Ausfälle.

Unterwegs verabschieden wir erst Markus, dann Walter, genauso, wie wir uns auf der Hinfahrt getroffen haben. Rainer, Berthold und ich wohnen ohnehin im selben Ort. Es bleibt ein Winken vom Moped aus und eine schöne Erinnerung an einen eindrucksvollen Urlaub.

Video Baltikum 2019 Teil 2 zeigt: Stadtbesichtigung Tallinn. Tour 6 von Tallinn über die Grenze nach Lettland und nach Riga mit vielen Schotterpisten. Stadtbesichtigung Riga. Tour 7 von Riga über die Grenze nach Litauen. Dann zum Berg der Kreuze. Weiter nach Palanga ins Bernsteinmuseum dann nach Klaipeda.Tour 8 Fähre nach Kiel und Fahrt nach Schackendorf. Tour 9 Rückfahrt.

4655 KM davon 1572 mit Fähren

Rückblickend kann ich sagen, dass mir die Städte Vilnius und Tallinn am besten gefallen haben, mein Lieblingsbier im Baltikum Ekstra heißt und mein Lieblingstier Adebar. Auffallend war, wie selbstverständlich Hilfsbereitschaft und Schotterstraßen zur Infrastruktur gehören. Und dass dem Klimawandel auch im Baltikum sehr aktiv entgegen getreten wird. Lediglich die ehemalige sozialistische Grundhaltung ist bei der einen oder anderen noch zu spüren. Aber ansonsten Natur pur – mit vielen Insekteneinschlägen auf den Visieren – gutes Essen und baltische Geschichte auch mit deutschen Fußstapfen.

Für Motorradreisen absolut empfehlenswert.

Zur Fotogalerie Vanmel unterwegs im Baltikum 2019

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